KW 46 – concept of beauty

KW 46 – concept of beauty

„their concept of beauty is manufactured – I am not” (rupi kaur)

 

 

Für eine dicke Frau ist es nicht einfach ihr Selbstwertgefühl aufrechtzuerhalten und zu pflegen. Zu oft vergleichen wir uns mit dünneren Frauen und halten an Fehlern fest, die andere gar nicht wahrnehmen. In unserer Gesellschaft gibt es Schönheitsideale, die in einer Wechselwirkung mit der Modeindustrie stehen und die persönliche Wahrnehmung stark beeinflussen. Schaltet man den Fernseher an oder blättert man eine Zeitschrift auf, sieht man überall schöne, dünne und erfolgreiche Frauen. Dick wird oft mit faul, ungesund und weniger attraktiv gleichgesetzt

was für ein Quatsch.

Denke ich an mein Teenager-Ich, sehe ich tausend Schichten von unpassenden Klamotten, die kaschieren und verstecken sollten. Obwohl ich gerade während der Pubertät nicht introvertiert und leise war, wollte ich keineswegs negativ auffallen und meine Makel verschleiern. Dass ich mich in diesem Zwiebellook allerdings nicht wohl gefühlt habe, ist wahrscheinlich allen klar. Die Outfitwahl war immer ein Drama und hat absolut keinen Spaß gemacht. Ich bin nie aus Scham zuhause geblieben, Schwimm- und Sportunterricht waren gar kein Problem, aber ich habe mich immer zu dick gefühlt und wäre lieber jemand anderes gewesen.

Hallo, Ihr lieben Vorurteile

Selbst wenn ich mich mal nicht mit dem „zu Dick-Sein“ beschäftigt habe, wurde ich in vielen Situationen mit den gängigen Vorurteilen konfrontiert, die bestimmt auch viele von Euch kennen.

Dicke haben immer Hunger und mögen keinen Sport.

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen: Ich war zu Besuch bei einer Schulfreundin und es gab Torte und Tee. Wir saßen auf einer grässlichen Couch, an einem Fliesentisch im Wohnzimmer – ich fühlte mich absolut nicht wohl. Als mir ihre Oma ein Stück Torte anbot und ich es dankend ablehnte, konnte sie es gar nicht fassen und fragte mich direkt „Ach machst du eine Diät?“. Boom – das saß. In meinem Kopf schwirrten viele Gedanken und ich fühlte mich schlecht. Wieso durfte ich nicht einfach keinen Hunger haben? Wieso dachte sie direkt an eine Diät? Ich war überfordert und verletzt und schüttelte einfach nur den Kopf. Heute würde ich definitiv anders reagieren, aber damals hatte ich mit so einer Reaktion einfach nicht gerechnet.

Genauso ging es mir sogar einmal in der Uni. Eigentlich war die Uni für mich ein Ort mit vielen verschiedenen Menschen, die alle respektiert, akzeptiert und für ihre Individualität bewundert wurden. Ich hatte also nie das Gefühl als „die Dicke“ gesehen zu werden, bis zu dem einen Französischseminar. Alle Studierenden sollten einen anonymen Satz auf einen Zettel schreiben, der dann von den anderen dem jeweiligen Autor zugeordnet wurde. Als „Ich hasse Sport“ von der Dozentin vorgelesen wurde, blickten mich auf einmal so viele Augen an, als hätte ich einen Papagei auf der Schulter sitzen. Ich schüttelte wieder, diesmal aber lächelnd, den Kopf, woraufhin die kleinste und dünnste Studentin ihre Hand hob und den Zettel als ihren outete.

Na, wer hätte das gedacht?

Solche Situationen hallen natürlich nach und gerade, wenn man jung und unsicher ist, beeinflussen sie das weitere Handeln. So fiel es mir oft schwer Sätze zu sagen wie „Heute lasse ich Sport mal ausfallen“ oder „Ich habe Hunger“, direkt war da wieder dieser „Dicken-Stempel“ der über einem schwirrte, dabei bin und war ich immer ein gesunder und aktiver Mensch.

Hunderte Diäten und Heulanfälle später, gab es dann vor ein paar Jahren einen Wendepunkt. Ich habe angefangen mich zu akzeptieren und mich ehrlich, aber liebevoll mit der Realität auseinanderzusetzen. Ich ging ab sofort zum Sport, um mich wohlzufühlen und um Spaß zu haben, nicht um mich selbst fertig zu machen. Ich cremte aufmerksam meine Haut ein und begann jeden Zentimeter und jede Delle zu lieben. Ich schaltete Musik an, tanzte nur mit einem Handtuch bekleidet durchs Zimmer und war einfach glücklich.

Nach und nach habe ich auch modisch meine Stärken hervorgehoben. Es gab auf einmal auch die neuen Trends in Größe 46 und Shoppen war keine anstrengende Schatzsuche mehr. So fühlte ich mich endlich wohl und vor allem sexy. Ich probierte immer mehr aus, war mutig und fing an meine Persönlichkeit zu unterstreichen. Manchmal wünschte ich, ASOS hätte es auch schon zu meinem Abiball gegeben, dann wäre ich nicht mit meiner Mama, meiner Schwester und Tränen in den Augen von Shop zu Shop gerannt.

Ich sehe nicht aus wie die ganzen Models und Stars und das ist auch gut so…

Was ich akzeptieren und lieben gelernt habe, ist allerdings in unserer Gesellschaft noch nicht so ganz angekommen. Es dominieren immer noch in der Modewelt die kleinen Größen und H&M zum Beispiel minimiert fortlaufend die Plus Size Abteilung. Deshalb müssen wir lauter werden und auf uns aufmerksam machen.

Durch einen Job lernte ich 2017 die Plus Size Fashion Days von Tanja Marfo kennen. Eine tolle Veranstaltung bei der sich Tanja gemeinsam mit vielen Models, Bloggern und Firmen für ein positiveres Image und für mehr Sichtbarkeit von Plus Size einsetzt. Mir öffnete sich eine ganz neue „Szene“ (wie ich es liebevoll nennen würde). Meine Wahrnehmung veränderte sich prompt und ich sah immer mehr kurvige und unterschiedliche Frauen in meiner Instagram-Timeline. Mir gibt diese Veränderung Mut, meine Kurven nicht mehr kaschieren zu wollen, sondern sie mit Stolz in Szene zu setzen.

Natürlich gibt es Tage, an denen ich mich nicht schön finde, an denen ich meckere und den letzten Keks verfluche, aber ich habe mittlerweile einen Weg gefunden, mich nicht auf dieses Gefühl zu versteifen. Ich mache dann etwas, was mir gut tut. Nehme ein Bad, lese das Curvy Magazine, trinke einen Tee, schaue einen schönen Film oder powere meine Wut beim Step-Aerobic aus.

Mit dieser Kolumne möchte ich vielleicht auch Dich dazu inspirieren, stark und selbstbewusst mit deinen Kurven den Alltag zu genießen und einfach dein Leben zu leben. Plus Size ist nichts Negatives. Die Konfektionsgröße 44 ist bei den Frauen in Deutschland die Durchschnittsgröße und dennoch halten viele an den negativen Eigenschaften und Vorurteilen fest. Mach Dich frei davon und liebe Deine Kurven.

Ich wünsche Dir eine tolle Woche!

Deine Solveig

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5 Kommentare

  1. Wiebke
    18. November 2018 / 20:19

    Toll Solli!
    Absolut hervorragend geschrieben, besser hätte man es nicht treffen können. Da kann man sich (auch ich) ne Scheibe von abschneiden.
    Mach weiter so!
    Ich bin gespannt aufs nächste mal 🙂

    • Solveig
      Autor
      19. November 2018 / 10:13

      Danke für dein liebes Feedback, Wiebke! 🙂

  2. Laura
    19. November 2018 / 14:12

    Mega – ich hab mich schon drauf gefreut, dass der erste Beitrag online geht und wurde nicht enttäuscht! Richtig gut Solli 🙂

    • Solveig
      Autor
      19. November 2018 / 14:47

      Oh, das freut mich! Danke für die lieben Worte :*

  3. Bobby
    25. Januar 2019 / 13:30

    WoW
    Ich muss sagen ich bin echt fasziniert wie gut das geschrieben ist und wie viel Spaß es gemacht hat den Beitrag zu lesen. Ich bewundere dich auf so vielen Ebenen und verspüre sogar das gefühl von Stolz. Mach weiter und ich bin schon wibbelich den nächsten Beitrag zu lesen 😀
    Bless u :*

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