KW 48 – Hochsensibilität

KW 48 – Hochsensibilität

„I like to look for things no one else catches“ (Amelie Poulain)

Wir haben 12 Uhr in der Nacht. Morgen wollen sie in den Urlaub und das Wohnzimmer sieht aus wie ein Schlachtfeld. Überall Koffer, Klamotten und Geschenke. Gestresst – genervt – müde. Sie diskutieren. Für die beiden ganz normal, nichts Schlimmes, morgen im Flieger ist alles wieder vergessen – für mich aber die Hölle. Meine Antennen schlagen auf 100, mir wird das alles zu viel und dabei sitze ich nur daneben…

Vor einem Jahr hätte es diesen Beitrag nicht gegeben. Vor einem Jahr hätte ich mich in solchen Situationen wie oben, als leicht gestresst, emotional oder harmoniebedürftig bezeichnet und gesagt, ich müsste noch daran arbeiten mir ein dickeres Fell zuzulegen. Aber vor einem Jahr kannte ich auch die Hochsensibilität noch nicht.

Als das Buch „Verstecken gilt nicht – Wie man als Schüchterner die Welt erobert“ von Melina Royer in der Post war, hatte ich gerade Freunde zu Besuch, die, als sie den Titel sahen, lachten und meinten „aber Solli, du bist doch gar nicht schüchtern“. Touché – damit hatten sie auf den ersten Blick recht und eigentlich wusste ich auch gar nicht mehr genau, wieso ich mir das Buch bestellt hatte. Aber das Cover war schön und da ich es nun schon zuhause hatte, fing ich auch an es zu lesen.

Von Seite zu Seite wurde ich neugieriger. Im Endeffekt wusste ich über Schüchternheit nur das, was auch alle anderen denken zu wissen. Dass es einen Unterschied zwischen Schüchternheit und Introversion gibt und dass auch extrovertierte Menschen schüchtern sein können, war mir bislang nicht klar.

Introversion und Extroversion sind Charaktereigenschaften. Manche Menschen benötigen mehr Zeit für sich und fühlen sich allein oder im kleinen Kreis wohler. Andere hingegen genießen und brauchen soziale Interaktionen in großen Gruppen oder auf Partys. Schüchternheit äußert sich in den unterschiedlichsten Formen und ist die Angst vor Ablehnung und Demütigung und diese Angst und Unsicherheit kann sowohl introvertierte, als auch extrovertierte Menschen belasten.

Also kurzgefasst: ob ein Mensch introvertiert oder extrovertiert ist, kann und muss er nicht ändern. Schüchternheit dagegen macht das Leben oft schwer und kann durch bestimmte Strategien wie Rituale und ein positives Mindset verändert werden.

Als ich mich bis zum zweiten Kapitel „Die Schüchternheit und ihre Begleiter“ in Windeseile durchgelesen hatte, gab es für mich einen ganz persönlichen und wichtigen „Aha-Moment“. Zum ersten Mal las ich etwas über Hochsensibilität.

Die Hochsensibilität ist ein Phänomen, von dem man annimmt, dass 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung betroffen sind und das möglicherweise durch eine genetische Veranlagung bedingt ist. Menschen die hochsensibel sind, erfassen und verarbeiten Sinnesreize und Emotionen stärker als andere. Wir sind nicht krank oder gar hochbegabt. Die alttäglichen Reize in Form von Bildern, Geräuschen, Gefühlen und Gerüchen prallen nur ungefiltert und kontinuierlich auf uns ein und müssen verarbeitet werden.

Ich habe mich oft gefragt, wieso ich mich in manchen Situationen so fühle und wieso mich zum Beispiel schon ein kurzes Familienwochenende todmüde macht. Chaotische Autofahrten, ein lauter Frühstückstisch und irgendwelche unnötigen Diskussionen liegen mir direkt schwer im Magen. Stimmungen und Gefühle anderer kann ich gekonnt wie ein Schwamm aufsaugen, nur leider nicht genauso schnell wieder vergessen. Gesagte Worte oder unbedachte Taten sind noch tagelang in meinen Gedanken. Unterschwelliges, was von anderen oft gar nicht wahrgenommen wird, steht für mich meistens genauso präsent im Raum wie ein riesen Elefant. Entscheidungen für andere mit zutreffen, verursacht in mir ein riesen Chaos und Überforderung. Es könnte ja sein, dass es irgendeinem nicht gefällt und ich dann daran schuld bin. So oft musste ich mir schon anhören, ich wäre zu nett oder zu emotional, aber einen wirklichen Grund dafür kannte ich nicht. Beliebteste Antwort war immer: Scheidungskind.

Als ich also von der Hochsensibilität erfuhr, konnte ich endlich all diesen Ungereimtheiten, diesen extremen Gefühlen und der schnellen Überforderung einen Namen geben.

Aber wie geht man damit jetzt um? Thematisiert man die neue Zugehörigkeit? Wenn ich das nächste Mal zu hören bekomme „Du bist zu emotional“ oder „Nimm dir das nicht so zu Herzen“, antworte ich dann „Ich kann leider nicht anders, ich bin hochsensibel“?

Ich bin noch lange nicht an dem Punkt angekommen, an dem ich genau weiß, wie ich mit der Hochsensibilität in meinem Alltag umgehen kann. Ich höre zwar schon immer mehr auf meine Gefühle, nehme mir Auszeiten und sage auch mal Stop oder Nein. Bis ich aber diese neugewonnene Erkenntnis in eine Stärke umwandeln kann, ist noch ein langer Weg, an dem ich euch natürlich teilhaben lasse. Ich werde noch mehr Bücher lesen (vor allem von Elaine Aron), hilfreiche und interessante Podcast hören und euch davon berichten.

Falls Du dich auch für das Thema Hochsensibilität interessierst, kann ich dir neben dem Buch und Blog (vanilla-mind.de) von Melina Royer auch den Podcast „Proud to be Sensibelchen“ von Maria Anna Schwarzberg empfehlen.

Diesen Monat kommt auch ein Buch von Melina und Maria raus, auf das ich mich sehr freue. Eine Zusammenarbeit von 11 Autoren*innen – von Sensibelchen, für Sensibelchen. Außerdem findest du auf www.zartbesaitet.net einen kostenlosen Test, durch den du deine Sensibilität prüfen kannst.

Vielleicht hast Du ja auch einen Tipp für mich? Ein Buch, Blog oder einen Podcast der dich inspiriert und dir geholfen hat? Dann schreib ihn mir gerne in die Kommentare.

Ich wünsche Dir einen schönen 1. Advent und eine entspannte Woche!

Deine Solveig

Dieser Beitrag enthält unbezahlte Werbung durch Namen/Marken-Nennung.

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2 Kommentare

  1. Judith
    2. Dezember 2018 / 20:59

    Toller Text wieder; dein Blog gefällt mir super! Bin bei denn Thema Hochsensibilität total bei dir und bin gespannt, ob du ne Umgehensweise findest! 🙂

    • Solveig
      Autor
      3. Dezember 2018 / 14:06

      Danke für dein liebes Feedback, Judith 🙂

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