KW 18 – Busgespräche

KW 18 – Busgespräche

“Du hörst nie zu” motzte sie ihn von der Seite an. “Doch, doch” antwortete er teilnahmslos und lies direkt wieder den Blick durch und aus dem Bus schweifen. Interessiert an der Außenwelt nahm er seine eigene Frau gar nicht mehr wahr. “Ach, es macht einfach keinen Spaß mehr” stellte die mindestens 75 Jährige traurig fest und blickte ebenfalls aus dem Bus. Er reagierte nicht.

Traurig und zugleich so interessant

Als ich dieser Unterhaltung neugierig lauschte, stellte ich in meinen Gedanken direkt die verschiedensten Theorien über die beiden auf. Sie hatten wahrscheinlich schon zwei erwachsene Kinder, beide äußerst selbstständig und beruflich erfolgreich. Der Sohn wahrscheinlich Arzt oder Anwalt. Enkelkinder haben sie bestimmt auch und eine Katze. Ein verwöhnte Kater, so wie Lucifer von Cinderella. Ich fragte mich aber auch, wie die beiden wohl als frisch verheiratetes und verliebtes Ehepaar waren. Hatte er ihr jemals aufmerksam zugehört? War sie in all der Zeit selbst mal still gewesen und hatte sich seinen Worten gewidmet? Waren sie überhaupt jemals ineinander verliebt gewesen? Oder mussten sie einfach heiraten und dachten heimlich immer an jemand anderen?

Irgendwie konnte ich beide verstehen. Ihn, wie er so langsam genug von dem scheinbar unbedeutenden Gequassel seiner Frau hatte und die Welt da draußen viel interessanter und spannender fand. Sie, wie sie sich sehnlichst einen Partner wünschte, der ihren Geschichten gespannt und aufmerksam lauschen würde.

Als mir nur ein paar Tage später eine ähnliche Unterhaltung im Bus zuflog, dachte ich über das ganze Thema noch intensiver nach. Diesmal war es ein anderes Paar, eine andere Tageszeit und auch eine andere Fahrtrichtung, aber es fiel der gleiche Satz: “Du hörst nie zu”. War es vielleicht wirklich ein Merkmal dieser Generation? Hörten die Männer der 1940er und 1950er Generation ihren Frauen nicht mehr zu? Oder lag es an den Ehejahren? Hängt man nach 30,40 oder sogar 50 Jahren Ehe dem anderen nicht mehr so gespannt an den Lippen und filtert scheinbar wichtiges von unwichtigem?

Auf jeden Fall dachte ich auch an mich. Neben wem ich wohl in 40/50 Jahren im Bus sitzen werde und ob mir mein Ehemann dann gespannt zuhört? Oder bin vielleicht sogar ich dann diejenige, die gedankenversunken aus dem Fenster schaut und auf Durchzug schaltet.

Bringen dich auch manchmal Gespräche aus Bus und Bahn zum Nachdenken? 

Ich wünsche dir eine wunderschöne Woche, mit ganz vielen interessanten Geschichten. 

Deine Solveig 

 

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