KW 23 – Wenn Winnie Pooh dir das Herz bricht

KW 23 – Wenn Winnie Pooh dir das Herz bricht

„Don’t let what he wants eclipse what you need. He’s very dreamy, but he’s not the sun. You are“.(Christina Yang)

Toxische Beziehung – ich kuschelte mich nochmal mit einer Tasse Kaffee unter die Decke und lauschte entspannt dem Podcast von Lina Mallon. Folge 69: „Emotionale Abhängigkeit in der eigenen Beziehung“. Nur zufällig hatte ich an diesem Morgen diese Folge gewählt und dennoch war es irgendwie genau die richtige, denn in letzter Zeit hatte ich viel über meine vergangene Beziehung nachgedacht. Nicht nachtrauernd oder wütend, sondern eher nahezu objektiv und reflektierend. Was hatte er falsch gemacht? Was hatte ich falsch gemacht? Was habe ich daraus gelernt? Im Nachhinein ist man ja immer schlauer.

Als wir uns damals kennengelernt hatten, fühlte es sich für mich, ganz kitschig formuliert, wie Schicksal an. Nach all den Dating-Fails, nach all den Lügnern und Playern, dachte ich, hätte ich jetzt „den Netten“ kennengelernt. „Der Nette“, bei dem ich keine absurden Spielchen spielen muss, der mich vergöttert so wie ich bin und dem ich zu 100 Prozent vertrauen kann. Der, der von seinen Kollegen, Freunden und von seiner Familie für seine witzige und liebevolle Art geschätzt wurde. Der, der mit seiner positiven und knuddeligen Ausstrahlung bei jeder Schwiegermama gut ankam. Der Winnie Pooh also unter den Tinderboys.

„Das Wir war größer als das Ich“

Je länger Lina von ihren eigenen Erfahrungen und von den Anzeichen emotionaler Abhängigkeit in einer Beziehung erzählte, bemerkte ich die Parallelen zu mir und Winnie. „Emotionale Abhängigkeit passiert oft, wenn du vorher verletzt wurdest. Wenn du gerade heilst und es sich so anfühlt als könntest du ihm vertrauen. Es sich so anfühlt als wäre jetzt alles perfekt.“ Aus Angst das scheinbar Perfekte nun wieder zu verlieren, gibst du dich nach und nach immer mehr für deinen Partner auf – veränderst dich, passt dich an. Abhängig macht dich aber nicht nur der andere, sondern oft auch du selbst. Es beginnt mit Kleinigkeiten und endet mit der völligen Aufgabe deiner Persönlichkeit. Ich blickte auf meine Hand, die wärmend den Becher umfasste und konzentrierte mich auf meine Fingernägel – die waren mal aus Gel und ihre plötzliche Veränderung während unserer Beziehung fiel sogar auf: „Hey, wo sind deine schicken Nägel hin?“ fragte mich eine enge Freundin bei einem Kaffeedate. „Ach, ich habe momentan kein Geld und ihm haben die künstlichen Nägel eh nie gefallen“ antwortete ich damals ganz schnell.

„Aber das warst doch du“…

Ja, eigentlich hatte sie Recht. Ich hatte es geliebt einmal im Monat ins Studio zu gehen und mich „schön“ machen zu lassen. Mal aufregend und auffallend in metallic-lila, mal süß und unschuldig mit Babyboomer. Ich mochte die Länge. Ich mochte das Gefühl. Er aber nicht, also kamen sie ab.

„Woran merkst du, dass du dich vielleicht in deiner Beziehung verloren hast?“

Jetzt im Nachhinein weiß ich, dass er schon nach wenigen Wochen volle Kontrolle über mich, meine Freizeit und meine Zukunftsplanung hatte. Ich weiß nicht, ob er das bewusst und absichtlich gemacht hat, aber von der Solli, die ich vor ihm war, war irgendwann fast nichts mehr da. Er sprach Dinge, die er an mir nicht mochte oder die ihn zweifeln ließen einfach ohne Rücksicht aus und ich musste dann zusehen was ich damit anfing. Ändern? Erklären? Ich hatte keine Ahnung. Von „Du hattest zu viele Männer vor mir“ bis hin zu „Du bist zu nett und zu girly“ durfte ich mir wirklich viel Kritik anhören, was die Angst ihn zu verlieren natürlich stärkte. Jedes Mal, wenn ich nicht bei ihm war, wenn ich mich meinem eigenen Leben widmete, hatte er wieder Zweifel und beendete die Beziehung. Das führte natürlich dazu, dass ich meine ganze Energie in ihn und in seine Wünsche und Bedürfnisse steckte. Mein Leben hatte sich komplett auf ihn abgestimmt. In meinem Kalender waren seine freien Tage eingetragen, sodass ich mich nach ihm richten konnte. Das Wochenende verbrachte ich öfter in seinem Kaff, als in meiner neuen Wohnung in Köln. Es war ein manipulatives Spielchen aus ködernder Sicherheit und vorhandener Abhängigkeit.

Aber ich war ja auch selber schuld. Ich hätte für mich und meine Träume einstehen können. Ich hätte die Grenzen, die er immer wieder durch Lügen austestete, festsetzen können. Lieber ein glücklicher Single, als dieses krankmachende Hin- und Her.

Was nehme ich also aus dem Podcast und dieser dieser Beziehung mit?

Lina beendet ihre Podcastfolge mit dem Zitat von Christina Yang, mit dem ich diesen Beitrag eröffnet habe: „Don’t let what he wants eclipse what you need. He’s very dreamy, but he’s not the sun. You are“ und stellt nochmal klar, dass es nicht darum geht, in einer Beziehung keine Kompromisse einzugehen, sondern die Wünsche des Partners nicht immer auf Kosten der eigenen zu verwirklichen. „Wenn du gewohnt bist deine Wünsche nur zu 70% zu erfüllen“, dann läuft etwas schief. Eigentlich, wenn ich ganz ehrlich zu mir und zu dir bin, wusste ich schon nach dem ersten Monat, dass bei uns etwas falsch lief, wollte aber die Wunschvorstellung von Winnie Pooh nicht aufgeben. Jetzt bin ich froh, dass die Beziehung dann irgendwann zu Ende war, denn mit ihm, hätte ich meine Träume nie erfüllen können. So wie diese Kolumne. Die Idee hielt er nämlich vor einem Jahr für völligen Quatsch. Aber ich habe aus dieser Erfahrung gelernt und werde in Zukunft nie wieder mich und meine Wünsche und Bedürfnisse hinten anstellen. 

 

Ich wünsche dir eine wunderschöne Woche

Deine Solveig

2 Kommentare

  1. Inga
    12. Juni 2019 / 19:04

    Liebe Solveig,

    als eigentlich stille Beobachtern muss ich nun doch mal etwas schreiben, denn du sprichst mir aus der Seele. Und ich glaube nicht nur mir, sondern auch vielen anderen Frauen.
    Danke für deine offenen Worte. Ich hoffe sehr, dass Sie einigen Frauen helfen und vielleicht sogar die Augen öffnen.
    Nichts und niemand ist es wert sich selbst und die eigenen Träume aufzugeben!

    Fühl dich gedrückt <3

    • Solveig
      Autor
      15. Juni 2019 / 15:03

      Liebe Inga,
      vielen Dank für deine lieben Worte!
      Es ist unfassbar schön zuhören, dass meine Texte gelesen UND gefühlt werden.
      Dieser Beitrag war sehr persönlich und es fiel mir nicht leicht über all das zu schreiben, aber Reaktionen wie deine zeigen mir, dass es wichtig und richtig ist, solche Themen anzusprechen.

      Ich drücke dich ganz arg zurück.
      Vielen Dank!

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