KW 28 – Verhütung

KW 28 – Verhütung

Was denkt die Frau in der Apotheke wohl gleich von mir? Samstagmorgen und ich warte vor der verschlossenen Tür am Hauptbahnhof. Die Koffer rollen, die Menschen reden und bei Mc Donald’s verkaufen sie schon den McToast. Klasse Idee von mir den Nuvaring abzusetzen, denke ich und blicke hoch zur Uhr. 7:57 Uhr – noch drei Minuten. Müdigkeit vermischt sich mit Aufregung, Gelassenheit mit einem flauen Gefühl in der Magengegend – Hallo Mini-Gefühlschaos. Hier am Hauptbahnhof kommen doch bestimmt dutzende Frauen dafür mal schnell vorbei, versuche ich mich zu beruhigen und beobachte durch das Schaufenster die beiden weißen Kittel, die noch die letzten Vorbereitungen tätigen. Irgendwie hoffe ich, die Frau hinter dem Tresen ist gleich verständnisvoll, vielleicht sogar liebevoll und vor allem nicht verurteilend. Irgendwie hoffe ich, sie ist genauso wie meine Mama.

Die automatische Tür geht auf und ich laufe schnurstracks zur zweiten Kasse. Sie ist jung. Vielleicht so alt wie ich, höchstens so alt wie meine Schwester. Ich erkläre ihr was passiert ist und sie lächelt und beginnt mit dem wohl klassischen Ablauf. „Hier sind noch ein paar Dinge, die wir durchgehen müssen“. Sie präsentiert mir eine vorgedruckte Liste. „Kennen sie die Punkte schon?“ fragt sie. „Nein!“, kam es schon fast zu schnell über meine Lippen. Während sie mir also die einzelnen Punkte erklärt, frage ich mich, ob ich mich mit meiner raschen Antwort gerade rechtfertigen und schützen wollte. Was wäre denn schlimm daran, wenn ich diese Liste schon kennen würde? Was wäre denn schlimm daran, wenn das heute nicht mein erster Notfallbesuch wäre?

„Wollen sie direkt ein Glas Wasser haben?“ fragt sie zum Abschluss, während der Scanner piepst. Wie? direkt hier einnehmen? – „Nein, danke.“

Als ich die Verpackung öffne, muss ich beim Anblick dieses riesen Blisters und dieser kleinen Pille schmunzeln. Wie ein kleines Schutzschild ist sie geformt. Ermahnend und verspielt zugleich. Ein Schutzschild, dass mein jetziges Leben zu 99,9% vor großen Veränderungen schützt. Ein Schutzschild, dass mich davor beschützt, eine Verantwortung übernehmen zu müssen, die ich jetzt nicht übernehmen kann und will. Während ich also einen großen Schluck Wasser nehme, denke ich über das Thema Verhütung weiter nach. Es ist doch gar nicht so einfach wie ich immer dachte.

Diese Woche geht es, wie du wahrscheinlich schon gemerkt hast, um ein sehr persönliches Thema. Wieso ich darüber schreiben möchte? Weil ich nach und während dem Gang zur Apotheke gemerkt habe, dass diese eigentlich sehr private Sache unter ganz schön großem (gesellschaftlichem) Druck steht. So viele Menschen nehmen es sich raus zu beurteilen was richtig und was falsch ist. Was verantwortungsbewusst oder verantwortungslos ist. Viel zu viele Menschen werten und beurteilen eine Sache, die sie eigentlich gar nichts angeht.

Der Trend – „Natürlich ohne Pille“

Ja, mittlerweile haben wir es bestimmt alle mitbekommen, Natürlichkeit ist der Shit. Natürliche Schönheit, natürlicher Haarwuchs, natürliche Verhütung, natürliche Lebensmittel. Im Endeffekt können wir überall das Wörtchen natürlich vorsetzen und haben die scheinbar bessere Variante. Dabei ist „natürlich“ ja irgendwie auch Definitionssache. Im Falle Verhütung geht es einfach darum, dass man die Abläufe des eigenen Körpers nicht künstlich beeinflusst. Ob das nun besser oder schlechter ist, hängt definitiv von der Frau ab. 

Ich hatte mit der hormonellen Verhütung aufgrund meiner Trennung und den aktuellen Diskussionen auf Instagram und co. vor gut zwei Monaten aufgehört und könnte mich jetzt dafür ohrfeigen. Überall tauchten in meinem Umfeld auf einmal Frauen auf, die sich für eine hormonfreie Verhütung stark machten und die Pille verteufelten und wenn ich ganz ehrlich bin, fühlte es sich dann oft wie bei den Themen Fitness, Veganismus und Nachhaltigkeit an – wenn man nicht mitmacht und es der ganzen Welt nicht zeigt, ist man irgendwie schuldig oder out.

Also setzte ich den Nuvaring, einen mit Hormonen versehender Vaginalring, mit dem ich über viele Jahre super klar kam einfach erstmal ab. Wenn es dann soweit ist, mache ich mir Gedanken über die ganzen Alternativen. Ich wollte, inspiriert von anderen Frauen, meinen Körper einfach mal “in Ruhe” lassen, dabei gab es dazu eigentlich keinen Anlass. Ich hatte keine der aufgeführten Nebenwirkungen. Ich hatte keine Depressionen, keine auffälligen Kopfschmerzen oder gar Migräne und meiner Libido ging es auch prächtig. 

Wie das Leben nun mal so spielt, kam dann dieses gerade erwähnte „Wenn es soweit ist“ natürlich schneller als gedacht und die einzige Verhütung war dann das Kondom. Seitdem ich 14 bin, verhüte ich hormonell und mit der Idee, mich ausschließlich mit einem Kondom zu schützen, fühlte ich mich noch nie wohl. Horrorszenarien wie verrutschen oder reißen, blieben immer im Hinterkopf und als hätte ich es heraufbeschworen, ging dies dann ja jetzt auch tatsächlich schief.

Was mich an dieser ganzen Sache ärgert? Nicht, dass es schief ging. Nicht, dass ich an einem Samstagmorgen zur Apotheke musste und auch nicht, dass dieser Versuch hormonfrei zu verhüten scheiterte. An der ganzen Situation ärgert mich, dass ich die ganze Zeit im Hinterkopf hatte, was andere von mir denken könnten. 

Was denken andere, wenn ich trotz Warnungen weiterhin die Pille nehme?

Was denken andere, wenn ich mir die Pille danach in der Apotheke hole? 

Meine Entscheidungen und Erfahrungen wurden von den Erwartungen und Anforderungen von anderen beeinflusst und geprägt, dabei geht es doch bei dem Thema Verhütung um meinen Körper, um mein Leben und um meine Wahl. Was also laut Ratgebern und Influencern zu einem positiverem und aufmerksameren Körpergefühl führen sollte, brachte mich persönlich ganz weit davon weg. Ich hörte nicht auf mich und meinen Körper, sondern versuchte es anderen Recht zu machen. 

Ich glaube, dass viele Frauen sich sowohl online, als auch offline zu oft von anderen (Trend-)Meinungen beeinflussen lassen und dann Entscheidungen treffen, die sie im Nachhinein bereuen, deshalb wollte ich meine Geschichte teilen. Für mich war sie eine Warnung, quasi ein Weckruf, der mit einem kleinen Megafon schreit “Hey Solli, komm wieder zurück zu dir selbst”. Vielleicht ist sie das für dich ja auch.

 

Ich wünsche Dir eine wunderschöne (selbstbestimmte) Woche.

Deine Solveig

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.